Eine aufgeschlagene Seite des babylonischen Talmuds.
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Antisemitische Taktiken Wie angebliche Talmudstellen missbraucht werden

Stand: 28.02.2024 16:08 Uhr

Mit dem Gaza-Krieg ist die Propaganda gegen Israel und Juden massiv verstärkt worden. Dafür werden erneut gefälschte oder fehlinterpretierte Talmud-Stellen instrumentalisiert.

"Sogar die Besten der Nichtjuden sollten getötet werden", "Ein Jude darf Sex mit einem Kind haben, solange das Kind jünger als neun Jahre ist" oder "Die Juden sind Menschen. Die Nichtjuden sind Tiere und keine Menschen." Solche angeblichen Zitate aus dem Talmud werden aktuell als Texte, Sharepic oder in Videos in sozialen Medien verbreitet, insbesondere, um Israel im Zusammenhang mit dem Gaza-Krieg zu diskreditieren.

Einige der angeführten Zitate sind bereits Jahrzehnte im Umlauf, die angeblichen Belege bereits mehrfach als Fälschungen oder bösartige Fehlinterpretationen entlarvt. Sie alle bedienen jahrhundertealte Vorurteile, dass Juden sich über dem Gesetz und moralischen Regeln wähnen würden.

"Die Methode, die Bibel und andere jüdische Schriften dahingehend auszulegen, dass Juden sich die Vernichtung anderer Völker zum Ziel machen, entwickelte sich ab dem 9. Jahrhundert", erklärt Katrin Kogman-Appel, Professorin of Jewish Studies an der Universität Münster, gegenüber dem ARD-faktenfinder. 

Sharepic mit angeblichen Talmud-Zitaten

Mit solchen Sharepics werden die angeblichen Talmud-Zitate in sozialen Netzwerken verbreitet.

Zitate falsch oder ohne Kontext

"Der Talmud ist ja eine Ansammlung von Diskussionen, aber kein Gesetzbuch", so die Judaistin. Entsprechend müsse man auch Zitate wie "sogar die Besten der Goyim (Nichtjuden) sollten getötet werden" im Zusammenhang interpretieren.

Diese sei eine der wenigen der oft zu Propagandazwecken missbrauchten Textstellen, die tatsächlich so im Talmud erscheinen, erklärt Krogman-Appel. Allerdings beziehe sie sich auf die Verfolgung der Israeliten nach dem Auszug aus Ägypten, bei dem die Fähigkeiten der gottesfürchtigsten, also die "besten" der Ägypter den Fliehenden zum Verhängnis wurde - es handele sich also um einen Rat zur Selbstverteidigung im Konfliktfall.

Das angebliche Zitat "Die Juden sind Menschen, aber die Nationen der Welt sind keine Menschen, sondern Tiere (Bava Metziah 114b) sei verfälscht und falsch interpretiert, so Kogman-Appel. "'Sondern Tiere' steht dort überhaupt nicht - und auch im ersten Teil heißt es nicht 'sind Menschen' oder 'sind keine Menschen' - sondern 'werden als Menschen bezeichnet' beziehungswese 'werden nicht als Menschen bezeichnet'."

Spätere Kommentare legten dies so aus, dass der Mensch von Gott dazu bestimmt war, nach göttlichem Gesetz zu leben, Nichtjuden dies aber nicht tun. "Das heißt, sie erfüllen nicht den göttlichen Auftrag an die Menschheit."

Bösartige Verdrehungen

Ein weiteres Zitat, "alle nichtjüdischen Kinder sind Tiere", existiere an der angegebenen Quelle, Yebamoth 98a, ebenso nicht: Dort gehe es um Rechte und Bestimmungen, die Kinder, die in verschiedenen Situationen geboren werden, und zivilrechtliche Fragen der Vaterschaft. "Das Ganze ist nichts anderes als ein verzerrtes Bibelzitat, das hier in der talmudischen Diskussion in ganz anderem Zusammenhang gesetzt wird", so die Wissenschaftlerin.

Auch die Behauptung, ein Jude dürfe Sex mit einem Kind haben, solange das Kind jünger als neun Jahre sei, werde an der angegebenen Stelle Sanhedrin 54b nicht aufgestellt. Dort gehe es um homosexuelle Beziehungen, die ohnehin im Talmud verboten sind.

Problematische Zitate auch von israelischer Regierung

Neue Nahrung erhielten die Behauptungen durch teilweise extreme Kriegsrhetorik der israelischen Regierung, die Interpretationsspielräume offenlässt. So sagte Verteidigungsminister Joav Gallant nach dem Hamas-Überfall vom 7. Oktober: "Wir kämpfen gegen menschliche Tiere, und wir handeln entsprechend."

Ministerpräsident Benjamin Netanyahu erklärte im Oktober; "Ihr müsst euch erinnern, was Amelek euch angetan hat, sagt unsere heilige Schrift." Laut der Bibel griffen die Amalekiter die Israeliten nach dem Auszug aus Ägypten gnadenlos an. "Du sollst das Andenken an Amalek auslöschen" gehört zu den 613 Geboten des Judentums. Darauf hatte sich auch ein jüdischer Terrorist berufen, der 1994 im Westjordanland 29 Muslime bei Gebet erschossen hatte.

Netanyahu dementiert Genozid-Rechtfertigung

In der Anklage Südafrikas gegen Israel vor dem Internationalen Gerichtshof wurde Netanyahus Aussage als Indiz dafür gewertet, dass Israel einen Genozid an den Palästinensern plane. Der israelische Ministerpräsident ließ jedoch erklären, dass sein Satz nicht als Anstiftung zum Völkermord zu werten, sondern vielmehr eine Beschreibung "der äußerst bösen Taten der völkermörderischen Terroristen der Hamas am 7. Oktober und der Notwendigkeit, ihnen entgegenzutreten", sei.

"Amalek ist ein biblisches Motiv - und Amalek gilt in der jüdischen Tradition als die Personifikation antijüdischer Feindschaft. 'Gedenke dessen, was Amalek dir getan hat' ist ein Aufruf, sich daran zu erinnern, dass Amalek ein Erzfeind ist, und dass man sich verteidigen soll", erläutert Judaistin Kogman-Appel, gegenüber dem ARD-faktenfinder. Das Zitat sei daher kein Aufruf zum Völkermord, die Kritik an Netanyahu in diesem Fall nicht gerechtfertigt.