Brandstiftung

Zinserhöhung erwartet Fed als Brandstifter?

Stand: 13.06.2018 13:48 Uhr

Der jüngste Verfall des argentinischen Peso und der türkischen Lira weckt böse Erinnerungen an die Turbulenzen vieler Schwellenländer-Währungen vor fünf Jahren. Droht jetzt ein ähnliches Schicksal, wenn die Fed - wie erwartet - erneut den Leitzins anhebt?

Tatsächlich wird erwartet, dass die US-Notenbank auf ihrer heutigen Sitzung den Leitzins ein weiteres Mal anhebt - und zwar um einen Viertelpunkt auf die neue Spanne von 1,75 bis 2,0 Prozent. Bei der letzten Erhöhung im März hatte sie mindestens zwei weitere Schritte in diesem Jahr signalisiert, also insgesamt drei Schritte in diesem Jahr.

Jerome Powell
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Jerome Powell

Inzwischen rechnen einige Fachleute sogar mit vier Anhebungen, weil die amerikanische Wirtschaft so gut läuft, dass Überhitzungsgefahren bestehen. Die Aufgabe von Notenbank-Chef Jerome Powell kommt laut Volkswirt Tilmann Galler vom Vermögensverwalter JPMorgan Asset Management einem Balanceakt gleich: "Er hat die heikle Aufgabe, die geldpolitische Unterstützung der Wirtschaft zu reduzieren, ohne die Konjunktur zum Absturz zu bringen. Gleichzeitig muss er ein Zinsniveau finden, das die Inflationsrisiken im Zaum hält."

Eine Gratwanderung

Commerzbank-Volkswirt Bernd Weidensteiner geht davon aus, dass Powell größte Vorsicht walten lässt: "Denn nach einigen zusätzlichen Schritten würde der Leitzins bereits im neutralen Bereich liegen. Dann wäre jeder weitere Schritt ein geldpolitisches Bremsmanöver."

Ob die Fed nun drei oder vier Zinsschritte macht - Fakt ist, dass mit jeder Anhebung Zinsanlagen in den USA attraktiver werden und damit Kapital anlocken. Allein in den ersten beiden Maiwochen sollen 5,5 Milliarden Dollar aus den Schwellenländern geflohen sein. Dort haben sich viele Unternehmen und Regierungen in den vergangenen Jahren massiv in Dollar verschuldet, um die niedrigen US-Zinsen zu nutzen. Das könnte ihnen nun zum Verhängnis werden, wenn die US-Zinsen steigen und ihre Währungen gegenüber dem Dollar an Wert verlieren.

Zinsen in Argentinien steigen auf 40 Prozent

Argentinien stemmte sich jüngst gegen den Verfall seiner Währung, indem die Notenbank den Leitzins auf unglaubliche 40,0 Prozent hievte. Damit will das Land ein weiteres Abrutschen der Landeswährung Peso verhindern. Doch dem einstigen Pleiteland drohe bei derart hohen Zinsen eine Rezession, warnt Ökonom Claudio Irigoyen von der Bank of America Merrill Lynch.

Schon wurde das Land gezwungen, den Internationalen Währungsfonds um Hilfe zu bitten. Der gewährte vergangene Woche einen Kredit von 50 Milliarden Dollar, unter der Bedingung, dass Argentinien den Abbau seines Haushaltsdefizits beschleunigt.

Staatsbankrott Argentinien
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Droht der nächste Staatsbankrott Argentiniens?

Kapitalflucht droht

Auch in der Türkei reagierte die Zentralbank mit höheren Zinsen (17,75 Prozent) auf den Absturz der Währung - sehr zum Leidwesen von Präsident Recep Tayyip Erdogan. Die aktuelle Lira-Verkaufswelle bezeichnete er als Angriff auf die heimische Wirtschaft und kündigte Gegenmaßnahmen an. Einige Experten rechnen damit, dass Erdogan zu radikalen Mitteln greift und Kapitalverkehrskontrollen einführt. Mit einer solchen Maßnahme könnte er die Kapitalflucht zwar stoppen, doch Investoren würde diese Maßnahme weiter abschrecken.

Kapitalflucht droht auch Ländern wie Ägypten und Südafrika. Staaten wie Indonesien und Indien, ebenfalls stark Dollar-abhängig, könnten der Fed folgen und ihrerseits die Leitzinsen anheben - und damit die eigene Wirtschaft schwächen. Investoren haben bereits ein Schlagwort für die am meisten gefährdeten Staaten erfunden: Indien, Indonesien, die Türkei, Brasilien und Südafrika werden als die "Fragilen Fünf“ bezeichnet.

Schwellenländer-Währungen unter massivem Druck
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Schwellenländer-Währungen unter massivem Druck

Powell gibt sich zuversichtlich

Doch wie wahrscheinlich ist eine erneute Krise der Schwellenländer? Bereits vor fünf Jahren war es an den Finanzmärkten dieser Länder zu Verwerfungen gekommen, nachdem der damalige Fed-Chef Ben Bernanke in einer Anhörung vor dem US-Kongress angedeutet hatte, die Notenbank könnte ihre Wertpapierkäufe zurückfahren. Fortan war an den Märkten von einem “taper tantrum” die Rede, einer heftigen Wutreaktion auf die Andeutung einer strafferen Geldpolitik.

Der neue Fed-Chef Powell ist sich dieser Gefahr sehr wohl bewusst - und gibt auch gleich Entwarnung. “Ich wische die voraussichtlichen Risiken nicht weg, die von der globalen Normalisierung der Geldpolitik ausgehen”, sagte er Anfang Mai in Zürich. "Aber die Schwellenländer sollten in der Lage sein, damit umzugehen und sie zu bewältigen." Im Klartext heißt das: Die behutsamen Zinserhöhungen in diesem Jahr stellen keine Gefahr für Schwellenländer dar.

Solide Leistungsbilanz hilft

Auch Experten wie Elke Speidel-Walz, die bei der DWS für Schwellenländer zuständige Volkswirtin, geben Entwarnung. Sie verweist besonders auf die Leistungsbilanzsalden: Von den 20 wichtigsten Schwellenländern weisen nur zwei ein Leistungsbilanzdefizit von über drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf. Es scheint kein Zufall zu sein, dass ausgerechnet die Währungen dieser beiden Länder, Türkei und Argentinien, unter Druck geraten sind, was deren Zentralbank zu saftigen Zinserhöhungen zwingt. Länder, die über eine solide Leistungsbilanz verfügen, sollten der Straffung der Geldpolitik hingegen gut standhalten können - zumal die Fed seit Dezember 2015 bereits sechs Mal an der Zinsschraube gedreht hat, ohne dass es zu größeren Verwerfungen an den Finanzmärkten gekommen ist, auch nicht in den Schwellenländern.

Leistungsbilanzsaldo 2017
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Leistungsbilanzsaldo 2017

Donald Trump
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Donald Trump

Lutz Röhmeyer, langjähriger Schwellenländer-Experte und heutiger Geschäftsführer der Berliner Fondsboutique Capitulum Asset Management, mahnt ebenfalls zur Besonnenheit. Das Kapital habe bereits 2013 und 2014 die Schwellenländer verlassen. Damals sei innerhalb eines Jahres so viel Geld abgezogen worden, wie vorher in zehn Jahren investiert wurde. Seitdem gebe es eine Seitwärtsbewegung (mit Ausnahme der Türkei und Argentiniens), weil die Fed ihre Zinswende mehr als ausreichend vorbereitet habe.

Trump will keinen starken Dollar

Und noch etwas dürfte nach Ansicht von Fachleuten einen übermäßigen Anstieg der US-Zinsen und folglich des Dollar verhindern: Donald Trump. Der Präsident hat sich stets für einen eher schwachen Dollar ausgesprochen, um die Exporte seines Landes zu fördern. Sollten also die Zinsen zu kräftig steigen und einen Höhenflug des Dollar auslösen, droht der Fed erheblicher Druck seitens der Politik. Gut möglich, dass Trump Powell nötigt, mehr auf den Wechselkurs Rücksicht zu nehmen, auch um den Preis höherer Inflationsraten.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 13. Juni 2018 um 15.00 Uhr.

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