Kommentar

Gipfel in Singapur Haushoher Sieg für Nordkorea

Stand: 13.06.2018 08:04 Uhr

US-Präsident Trump hat sich beim Treffen mit Nordkoreas Machthaber Kim ohne Not zu konkreten Maßnahmen verpflichtet und den Diktator hoffähig gemacht. Kim wird sich ins Fäustchen lachen.

Ein Kommentar von Jürgen Hanefeld, ARD-Studio Tokio

Was war denn das nun überhaupt? "Viele Menschen auf der Welt werden dies für eine Phantasie aus einem Science Fiction Film halten", sagte kein geringerer als Kim Jong Un persönlich beim denkwürdigen Treffen mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Ein koreanisches Märchen also?

Am nächsten Tag wirkt immer alles klarer, die Konturen einer Verhandlung zeichnen sich schärfer ab. Gestern gab es noch den triumphalen Auftritt des US-Präsidenten, der nicht müde wurde, sich über den grünen Klee zu loben. Er sei es gewesen, der den großartigen Deal eingefädelt habe, keinem seiner Vorgänger sei das gelungen.

Für jede Aktion eine Gegenleistung

Weitaus nüchterner heute die Einschätzung Nordkoreas: Kim und Trump seien sich einig gewesen, bei der Abrüstung der Atomwaffen Schritt für Schritt vorzugehen und simultan zu handeln. Im Klartext: Für jede Aktion Nordkoreas will das Land eine entsprechende Gegenleistung. Nichts anderes bedeutet die Formulierung im Abschlussdokument, Nordkorea wolle auf die Denuklearisierung "hinarbeiten".

Der Eindruck verfestigt sich, dass Nordkorea die Partie von gestern haushoch gewonnen hat. Während Kims Zugeständnisse an die Forderungen der Amerikaner windelweich und kaum zu greifen sind, hat sich Trump ohne Not zu konkreten Maßnahmen verpflichtet. Beispiel: die gemeinsamen Militärmanöver mit Südkorea, die seit Jahrzehnten zum Abschreckungskatalog der Alliierten gehörten. Urplötzlich will er sie nun einstellen, ohne jede Gegenleistung.

Politik im Alleingang

Offenbar war dieser Schritt weder mit Japan noch vor allen Dingen mit Südkorea abgestimmt. Politik aus der hohlen Hand und im Alleingang. Kim wird sich ins Fäustchen lachen. Schneller als erwartet hat China bereits die Aufhebung der Sanktionen gegen Nordkorea gefordert.

Die pompöse Show in Singapur hinterlässt einen faden Nachgeschmack. Sie diente vor allem dem nordkoreanischen Regime. Kim auf Augenhöhe mit dem amtierenden US-Präsidenten bedeutet: Trump persönlich hat Nordkorea aus der Schmuddelecke geholt und hoffähig gemacht. Mit den Konsequenzen dieses törichten Handelns wird sich nicht nur Amerika beschäftigen müssen, sondern vor allen Dingen Ostasien.

Der einzig positive Aspekt ist, dass es Folgeverhandlungen geben soll. Das ist der Minimalkonsens. Statt mit der Auslöschung des Gegners zu drohen, wollen Kim und Trump im Gespräch bleiben - verbunden sogar mit einer Einladung nach Washington. Immerhin. Aber es ist zu früh, von einem historischen Treffen zu sprechen. Erst muss Butter bei die Fische.

Trump-Kim-Gipfel: Ein koreanisches Märchen?
Jürgen Hanefeld, ARD Tokio
13.06.2018 07:40 Uhr

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 13. Juni 2018 um 09:00 Uhr.

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