Kommentar

Zuwanderungsdebatte Integration ist schwieriger als Abwehr

Stand: 13.06.2018 17:11 Uhr

Deutschland ist ein Zuwanderungsland. Im Selbstbild vieler Deutscher ist das aber noch nicht angekommen. Statt nur an Grenzschutz zu denken, muss die Gesellschaft sich Gedanken machen um alle, die schon da sind.

Ein Kommentar von Alex Krämer, ARD-Hauptstadtstudio

Es war einer dieser Tage, an denen sich wunderbar beobachten lässt, wie die leicht überreizte politische Debattenkultur in Deutschland wichtige Themen einfach platt macht, die Relationen von wichtig und unwichtig verschiebt.

Denn natürlich ist es wichtig, wie die Bundespolizei an den deutschen Grenzen auftritt. Es ist wichtig, dass das Bundesamt für Flüchtlinge gründlich arbeitet und korrekte Bescheide ausstellt. Es ist wichtig, dass Menschen ohne Bleiberecht das Land wieder verlassen.

Das Problem ist nur, dass alle diese Abwehrthemen rund um Flüchtlinge durchgehend Hochkonjunktur haben; befeuert von der AfD, von denen, die Angst haben vor der AfD und von Talkshows mit Hang zum Krawall. Denn Abwehr taugt für Holzschnittartiges, für die kräftigen Striche mit dem dicken Pinsel. Bumm-zack-bumm - fertig.

Wie lässt sich das deutsche Selbstbild erweitern?

Die Integration dagegen ist schwieriger, kleinteiliger. Sie erfordert genaueres Hinschauen - wichtig ist sie aber ebenfalls. Kriegt Ali tatsächlich wegen seiner Schulnoten keine Ausbildungsstelle, oder doch eher, weil er Öztürk mit Nachnamen heißt? Wird die junge Frau mit dem Kopftuch tatsächlich unterdrückt oder trägt sie das umstrittene Kleidungsstück doch freiwillig? Was ist problematisch am Islam, was aber auch nicht?

Und: Wie lässt sich das deutsche Selbstbild so erweitern, dass es nicht länger leugnet, dass Deutschland ein Zuwanderungsland ist, dass es Zuwanderung sogar braucht? Anders formuliert: Wie kriegt die Gesellschaft es hin, dass sie bei Menschen mit dunkler Haut, die nicht Müller oder Kasupke heißen, nicht automatisch davon ausgeht, sie seien "keine Deutschen", selbst wenn sie in dritter Generation hier leben?

Veränderung ist per se nicht gut oder schlecht

Das alles sind Fragen, bei denen die Antworten kompliziert ausfallen. Es macht Mühe, diese Antworten zu finden, es macht auch Mühe, über die richtigen Antworten zu streiten. Aber es lohnt sich. Denn dieses Land verändert sich schon lange, ohne dass seine Einwohner das richtig wahrgenommen haben.

Diese Veränderung ist erst mal nicht gut oder schlecht, sie passiert einfach - gut oder schlecht ist, was man draus macht. In vielen Betrieben, in Städten, Gemeinden, Schulen, Kitas passiert da durchaus schon etwas - doch im Selbstverständnis vieler Deutscher ist davon noch wenig angekommen.

Integration verändert die Gesellschaft

Vom bloßen Leugnen und Augen verschließen aber, das muss jeder Vierjährige lernen, verschwindet die Realität nicht. Man muss sie gestalten.

Das verbirgt sich hinter dem sperrigen Wort Integration, bei dem es um viel mehr geht als um Flüchtlinge, nämlich um alle Zuwanderer.

Wenn die sich integrieren, was viele längst tun, manche aber leider nicht, dann verändern sie sich. Aber, und das wird gern vergessen: Die deutsche Gesellschaft verändert sich ebenfalls, unweigerlich, bewusst oder unbewusst. Bewusst wäre besser.

Kommentar: Integrationsgipfel und Flüchtlingsdebatte
Alex Krämer, ARD Berlin
13.06.2018 16:33 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 13. Juni 2018 um 17:35 Uhr.

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