Ein Schild mit der Aufschrift "Keine Bühne für Machtmissbrauch" bei der Demo gegen drei Rammstein-Konzerte in Berlin.
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Machtmissbrauch Hinter der Bühne von Rammstein

Stand: 21.03.2024 17:00 Uhr

Ein Rekrutierungssystem hat Rammstein-Sänger Lindemann offenbar über Jahre mit jungen Frauen versorgt. Erstmals sprechen Menschen aus seinem Umfeld mit NDR-Reportern zu Vorwürfen des Machtmissbrauchs.

Von Daniel Drepper, Elena Kuch, Nadja Mitzkat, Sebastian Pittelkow, Isabel Schneider, NDR

Fast zehn Monate nach den ersten Veröffentlichungen über Vorwürfe gegen Till Lindemann geben mehrere Weggefährten und Personen aus dem Nahbereich des Musikers detaillierten Einblick in das "Casting-System" des Rammstein-Sängers. Eine dieser Personen ist Anna Yakina, eine russische Musikmanagerin. Sie war jahrelang mit Weltstars auf Tournee, Backstage bei Rammstein und mit Till Lindemann und dessen Soloprojekt auf Konzertreise in Russland.

Jeder habe wissen und sehen können, wie Abend für Abend junge Frauen für Lindemann herangeschafft worden seien, sagt Yakina. Sie versuche zu verstehen, warum alle schwiegen. Zwar wüssten neun von zehn Frauen, wohin sie gingen, aber eine von zehn eben nicht. Manchmal habe sie den Eindruck gewonnen, es gehe wie in einer Sekte zu: "Dem Sekten-Guru wird alles geglaubt und seinen Anweisungen gefolgt. Für mich ist es wie Frauenhandel - wenn Du ein anderes Wort dafür hast, sag es mir."

Unvermittelt unter die Bühne geführt

Eine der Frauen, die offenbar für Sex gecastet wurde, lebt im Norden Irlands, in einer kleinen Stadt nahe der Steilküste. Shelby Lynn, über Jahre treuer Rammsteinfan, arbeitet für ihre örtliche Kommune als Sozialbeamtin. Nachdem die inzwischen 25-Jährige im Sommer 2023 bei einem Konzert im litauischen Vilnius offenbar für Sex mit Lindemann rekrutiert wurde, trat sie mit einer Reihe von Tweets die Diskussion rund um die Band Rammstein los.

"Es gab eine Anbahnung für Sex", von der sie nichts geahnt habe, so schildert Lynn den Abend. Sie sei in einer Konzertpause unvermittelt unter die Bühne in einen Raum geführt worden, um dort auf Lindemann zu treffen. Sex mit ihm habe sie abgelehnt. Später habe sie das Gefühl gehabt, unter Drogen gesetzt worden zu sein. Belegen kann sie diesen Vorwurf nicht.

Kurz nach Bekanntwerden der Vorwürfe trat die Band mit einem Statement an die Öffentlichkeit und sagte: "Zu den im Netz kursierenden Vorwürfen zu Vilnius können wir ausschließen, dass sich, was behauptet wird, in unserem Umfeld zugetragen hat. ( ... )."

Sex-Casting-System

Die NDR-Reporterinnen und -Reporter haben in den vergangenen Monaten mit rund zwanzig Frauen gesprochen, die offenbar für Konzerte von Rammstein und Lindemann rekrutiert wurden. Der Ablauf ist dabei wohl in verschiedenen Städten in ganz Europa ähnlich gewesen.

Erstmals sprechen mehrere von ihnen offen vor der Kamera des ARD-Politikmagazins Panorama über ihre Erfahrungen. So erinnert sich etwa die Brasilianerin Monique T. an eine Aftershowparty in Rotterdam mit Lindemann. Dort sei die Stimmung nach einiger Zeit gekippt: "Er stand auf, steckte den Kopf durch die Tür und brüllte den Flur runter: 'Bringt die Frauen, bringt mehr Frauen, bringt die Frauen.'" Anschließend sei er erbost zurückgekommen, weil offenbar keine weiteren Frauen gebracht wurden.

Warten auf Lindemann

Für die Rekrutierung der Frauen hatte Lindemann offenbar ein Netzwerk an Vertrauenspersonen um sich. Als zentrale Figur galt die Russin Alena Makeeva. Sie nennt sich bis heute selbst "Casting-Direktorin" und war den Recherchen zufolge die Hauptkontaktperson zu den weiblichen Fans. Auch Anna Yakina hat Makeeva erlebt und wusste, dass sie im Vorfeld von Konzerten Mädchen für die sogenannte "Row Zero", also die "Reihe Null" zwischen Bühne und den übrigen Fans, sowie für Pre- und Aftershowparties rekrutiert hat, erzählt Yakina.

Einmal habe Makeeva zu ihr gesagt, dass sie ein paar Mädchen auswählen und in Lindemanns Hotelzimmer bringen wolle, während er auf der Bühne sei. Die Mädchen hätten dann in völliger Dunkelheit auf Lindemann warten und ihm bei seiner Ankunft im Zimmer "einen blasen" sollen. Ob dies genau so stattgefunden hat, kann nicht belegt werden. Yakina betont: "Die Mädchen werden ihm wie auf einem Teller serviert." Makeeva, Rammstein und weitere Personen, die Kontakte mit Frauen angebahnt haben sollen, reagierten auf Anfragen nicht.

"Missbrauch der echten Gefühle von Mädchen"

Auch Elnara Nuriieva empfindet dieses Rekrutierungssystem heute als sehr fragwürdig. Sie sei selbst lange großer Rammstein-Fan gewesen und habe Makeeva bei einem Video-Dreh von Lindemann kennengelernt. Makeeva habe sie später gebeten, ihr für ein Konzert mit dem Casting von Frauen für die Aftershowparty zu helfen. Sie bereue heute, das damals getan zu haben, so Nuriieva. Sie kenne Frauen, die Lindemann unbedingt treffen wollten. Aber es habe eben auch solche gegeben, die nicht gewusst hätten, worauf sie sich einließen. "Das ist Missbrauch. Missbrauch der echten Gefühle von Mädchen, die ihr Idol sehen wollen."

Im vergangenen Jahr hatten NDR und Süddeutsche Zeitung berichtet, Frauen hätten im Vorfeld von Konzerten Fotos von sich schicken sollen. Oder es seien vor Ort Fotos und Videos angefertigt worden. Ob die Fotos Lindemann anschließend vorgelegt wurden, ist nicht belegt. Eine Frau schilderte, dass ihr klar kommuniziert worden sei, dass sie nur zum Konzert und zur Party könne, wenn sie Interesse an Geschlechtsverkehr mit Lindemann habe. Mehrere dieser Frauen hatten damals ihre Erzählungen an Eides statt versichert.

Aftershow-Pässe gefragt

Peter Lubrich hat bereits in den 2000er Jahren Groupies zu Aftershow-Partys eingeladen. Damals war er Sicherheitsbeauftragter von Rammstein. Im Security-Geschäft gebe es eine Art Ehrenkodex, sagt Lubrich: Man spreche nicht über das, was man sehe. Aber Groupies habe es schon immer gegeben. Der Spruch "Sex, Drugs and Rock'n'Roll" habe ja eine lange Tradition. Er habe damals auch Frauen angesprochen, Backstage-Pässe verteilt und gefragt: "Möchtest du heute Abend noch mal mit der Band einen Wein oder Bier trinken?"

Viele hätten Aftershow-Pässe haben wollen: "Das ist wie wenn du mit einer Wurst durch eine Horde Hunde läufst, die drei Tage nichts gegessen haben", erzählt Lubrich. Grundsätzlich würden hinter der Bühne keine anderen Gesetze gelten als im normalen Leben.

Aus seiner Sicht verliefen die Begegnungen immer einvernehmlich. Das sagt auch Lindemanns Anwalt Simon Bergmann auf Fragen der Reporter. Er betont, dass sexuelle Handlungen am Rande von Konzerten immer einvernehmlich und dass keine der Frauen in ihrer Willensbildung beeinträchtigt gewesen sei. Über dieses Rekrutierungssystem könne man natürlich moralisch diskutieren und den Zeigefinger erheben, so Bergmann: "Auch ich sage jetzt ganz offen, würde es nicht, möchte es nicht begrüßen."

Frauen erheben Vorwurf des Machtmissbrauchs

Zwei Frauen hatten im vergangenen Jahr von mutmaßlichen sexuellen Übergriffen am Rande von Konzerten berichtet. NDR und SZ machten diese Vorwürfe damals öffentlich. Die Frauen hatten vor sexuellen Handlungen mit Lindemann kein Nein kommuniziert, sich währenddessen auch nicht gewehrt, diese im Anschluss aber als übergriffig empfunden. Heute empfinden sie die Situation als Machtmissbrauch. Zu den Fällen hatte Lindemann damals mitgeteilt, alles sei einvernehmlich gewesen.

Die Berliner Staatsanwaltschaft hatte im vergangenen Sommer ein Ermittlungsverfahren gegen Lindemann und Makeeva eingeleitet wegen des Verdachts der Begehung von Sexualdelikten und Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz. Das Verfahren wurde nach gut zwei Monaten wieder eingestellt, auch weil sich keine mutmaßlich Betroffenen bei der Staatsanwaltschaft gemeldet hatten.

Bis heute wehrt sich Lindemann juristisch gegen die Aussagen von Shelby Lynn sowie die mediale Berichterstattung, unter anderem des NDR - teilweise mit Erfolg. Viele Entscheidungen sind nicht rechtskräftig. Mitte Mai geht Rammstein wieder auf Europa-Tournee. Die meisten Konzerte sind bereits ausverkauft.

Wir recherchieren weiter zum Thema. Für Tipps und Hinweise erreichen Sie das Ressort Investigation des Norddeutschen Rundfunks unter investigation@ndr.de. Einen Fernsehbeitrag dazu können Sie in der ARD-Mediathek abrufen und ab 21:45 in der Sendung Panorama im Ersten sehen.

Elena Kuch, Nadja Mitzkat, Sebastian Pittelkow, Isabel Schneider, NDR, tagesschau, 21.03.2024 17:13 Uhr

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete das Erste im Magazin "Panorama" am 21. März 2024 um 21:45 Uhr.