Aussenansicht der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Eschborn.
exklusiv

Sicherheitslage in Afghanistan Taliban nehmen GIZ-Mitarbeiter fest

Stand: 23.11.2023 16:00 Uhr

Sicherheitsbehörden der Taliban haben vier Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) festgenommen. Die GIZ hat ihre Büros in Afghanistan bis auf weiteres geschlossen.

Es ist eine neue Eskalation in einem ohnehin zerrütteten Verhältnis: Sicherheitskräfte der radikalislamischen Taliban in Afghanistan haben vier Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) festgenommen. Das bestätigte das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) auf Anfrage von WDR Investigativ. Bei den Mitarbeitern handelt es sich um afghanische Ortskräfte, die derzeit im Auftrag der GIZ in Afghanistan arbeiten.

Ein Sprecher des Bundesentwicklungsministeriums sagte auf Anfrage: "Wir nehmen diese Lage sehr ernst und arbeiten über alle uns zur Verfügung stehenden Kanäle daran, die Kollegen frei zu bekommen. Um diese Bemühungen nicht zu gefährden, können wir keine weiteren Details nennen." Die GIZ ist die deutsche Entwicklungsorganisation und derzeit noch mit über 250 Mitarbeitenden in Afghanistan tätig.

Verhaftungswelle gegen GIZ-Mitarbeiter

Hintergrund ist offenbar eine Verhaftungswelle des afghanischen Geheimdienstes. Sicherheitskräfte der Taliban hatten im Oktober vorübergehend vier GIZ-Mitarbeiter festgesetzt, jedoch nach kurzer Zeit wieder frei gelassen.

Anfang November wurde ein anderer GIZ-Mitarbeiter offenbar durch Geheimdienstmitarbeiter festgenommen. Dieser Mann soll jedoch bis heute inhaftiert sein. Zehn Tage später dann nahmen afghanische Sicherheitskräfte zwei weitere GIZ-Mitarbeiter am Flughafen Kabul fest, als diese von dort aus nach Dubai reisen wollten. Auch sie sollen bis heute in Haft sein. Bei ihnen sollen auch Mobiltelefone und Laptops beschlagnahmt worden sein. So geht es aus einem vertraulichen EU-Sicherheitsbericht hervor, der WDR Investigativ vorliegt.

Nach WDR-Informationen wurde inzwischen ein vierter Mitarbeiter der GIZ festgenommen. Die Mitarbeiter, um die es geht, sind allesamt für das Risikomanagement der GIZ tätig. Die Taliban sollen den GIZ-Mitarbeitern dem Vernehmen nach Spionagetätigkeiten vorwerfen.

Die radikalislamischen Taliban, die nach dem Abzug westlicher Truppen 2021 die Regierung in Afghanistan übernahmen, waren für eine offizielle Stellungnahme nicht zu erreichen.

GIZ-Büros in Afghanistan bleiben geschlossen

Die Verhaftungen werfen auch innerhalb der Bundesregierung die Frage auf, ob und wie die GIZ in Afghanistan überhaupt weiterarbeiten kann. Aus dem Ministerium heißt es dazu: "Der Vorfall wirft Fragen zur aktuellen und künftigen Sicherheitseinschätzung in Afghanistan auf, die wir heute und auf Basis der vorhandenen Informationen noch nicht beantworten können", sagte ein Sprecher.

Man müsse "zur Kenntnis nehmen, dass es eine veränderte Sicherheitslage gibt, wenn es nicht schnell gelingt, die Fälle aufzuklären und die Inhaftierungen zu beenden".

Zuletzt wurde ein sogenannter "Full Lockdown" für die GIZ-Mitarbeitenden in Afghanistan angeordnet. GIZ-Büros in Afghanistan bleiben bis auf weiteres geschlossen, einige Mitarbeitende arbeiten von zuhause, andere sind aus Angst vor Verfolgung offenbar untergetaucht.

Gefährdung von Ortskräften immer wieder Thema

Die Sicherheitslage lokaler Ortskräfte, die in Afghanistan für deutsche Organisationen tätig waren, hat in der Vergangenheit immer wieder die deutsche Öffentlichkeit beschäftigt. Derzeit befasst sich ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages mit dem Umgang der Bundesregierung mit seinen afghanischen Ortskräften bis zum Jahr 2021.

Damals hatten die Taliban die Macht in Afghanistan übernommen, nachdem internationale Militärtruppen aus dem Land abgezogen waren. Zahlreiche ehemalige Ortskräfte versuchten aus dem Land zu fliehen. Viele befinden sich weiterhin in Afghanistan und fürchten Verfolgung durch die Taliban.

Das Auswärtige Amt hat seine Botschaft in Kabul seit der Machtübername der Taliban nicht wieder eröffnet. Für die GIZ stehen jedoch weiterhin Ortskräfte in Afghanistan unter Vertrag.

Andreas Braun, WDR, tagesschau, 23.11.2023 16:43 Uhr