Captagon-Tabletten
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Drogenhandel Captagon im Wert von 60 Millionen Euro gefunden

Stand: 21.12.2023 06:01 Uhr

Ermittler haben die bisher größte Menge an Captagon in Deutschland sichergestellt - Verkaufswert etwa 60 Millionen Euro. Die Droge wird vor allem in Syrien und dem Libanon in illegalen Fabriken hergestellt.

Von Arne Meyer-Fünffinger, BR, Margherita Bettoni, Ludwig Kendzia, Nadja Malak, MDR, Olaf Sundermeyer, RBB und Ahmet Senyurt, SWR

Zwei Dinge überraschten die Ermittler des Zollfahndungsamtes (ZFA) Essen an diesem Oktobertag besonders: die Menge und die Professionalität. In einem Garagenkomplex an der Autobahn bei Aachen hatten sie gerade 300 Kilogramm Captagon sichergestellt.

Am selben Tag wurden vier Tatverdächtige im Raum Aachen verhaftet - Syrer im Alter von 33 bis 45 Jahren, darunter ein Mann, der zuletzt in Wien gemeldet war. Alle vier sind seither in Nordrhein-Westfalen in Untersuchungshaft.

Synthetisches Aufputschmittel Captagon: Deutschem Zoll gelingt Schlag gegen syrisches Kartell

Olaf Sundermeyer, ARD Berlin, tagesschau, 21.12.2023 12:00 Uhr

460 Kilogramm Captagon

Gemeinsam mit Funden in den vergangenen Monaten an den Flughäfen Köln/Bonn und Leipzig/Halle, für die auch die vier Tatverdächtigen verantwortlich sein sollen, summiert sich der Fund auf 460 Kilogramm Captagon.

Nach Recherchen von BR, MDR, SWR, RBB, gemeinsam mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und der Mediengruppe Bayern sind es insgesamt 3,2 Millionen Tabletten mit einem Straßenverkaufswert von rund 60 Millionen Euro.

Säcke auf Paletten in einer Lagerhalle

In einem Garagenkomplex bei Aachen stellten Zollfahnder 300 Kilogramm Captagon sicher.

Die Schmuggler hatten den Großteil der Tabletten aus dem Fund bei Aachen zwischen 16 Tonnen Sand versteckt, der säckeweise auf Paletten gestapelt war. "Es waren normale Sandsäcke aus dem Baumarkt, original bedruckt", sagt Ermittlungsleiter Andreas B. *) später im Interview.

"Die Täter haben die Captagon Säcke in diesen Sandsäcken verpackt und haben sie dann in einer äußeren kleinen Schicht Sand eingebettet. Sodass bei einem äußerlichen Betrachten der Säcke, auch wenn man die befühlt hat, keine Tabletten festzustellen waren."

Rund ein Jahr wurde ermittelt

Dem Fund am 5. Oktober war ein gutes Jahr Ermittlungen vorausgegangen. Im vergangenen Herbst hatte der Zoll im Paketzentrum am Flughafen Köln/Bonn zunächst zehn Kilogramm der Amphetamintabletten in einer Tarnladung entdeckt, im Inneren von sieben Paketen Bremszylindern mit dem Bestimmungsort Bahrain.

Die Drogen waren bei der Kontrolle an einem Röntgengerät aufgefallen. Es folgten drei weitere Funde versteckt in einem Luftfilter, sowie am Flughafen Leipzig/Halle in einer Ladung Duftkerzen und einem Pizzaofen, jeweils mit Adressaten in Saudi-Arabien.

Die Ermittlungen des Zollfahndungsamtes Essen laufen unter Führung der Staatsanwaltschaft Aachen, Abteilung Organisierte Kriminalität. Es geht um den Verdacht des "gewerbs- und bandenmäßigen Schmuggels und Handels von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge", so die Staatsanwaltschaft Aachen.

Diese prüft zurzeit mögliche Verbindungen zu weiteren Captagon-Verfahren unter Beteiligung syrischer Tatverdächtiger. In Essen sind bereits im vergangenen Jahr drei Männer als Teil eines internationalen Schmugglerrings verurteilt worden.

In Regensburg wurde im Juli eine Produktionsstätte für Captagon-Tabletten ausgehoben. Dort waren zwei Syrer festgenommen worden. Bei der Festnahme fanden hier die Ermittler 300 Kilogramm Captagon-Tabletten. Außerdem wurden Rohstoffe für eine mögliche Herstellung von gut drei Tonnen Captagon gefunden. In dieser Sache ermittelt die Staatsanwaltschaft in Ellwangen. 

Bislang nur "untergeordnete Rolle"

Die Sprecherin der Aachener Staatsanwaltschaft, Katja Schlenkermann-Pitts, verwies im Interview mit dem ARD-Netzwerk von BR, MDR, RBB und SWR darauf, dass Captagon bislang nur eine untergeordnete Rolle im Rahmen der Betäubungsmittelkriminalität in der Bundesrepublik gespielt habe.

Mit Blick auf die Fälle in Ellwangen, Essen und Köln/Bonn oder auch in Aachen und Leipzig "und auch den Marktwert dieser ganzen Tabletten, legt das natürlich nahe, dass es sich hier um eine organisierte Tätergruppierung handeln kann, die auch länderübergreifend tätig ist", so die Sprecherin. Sie kündigte für ihre Behörde deshalb an, diese "Strukturen und Zusammenhänge weiter beleuchten" zu wollen. 

Nach einem Fund von 60 Kilogramm Captagon-Tabletten vor zwei Jahren bei einem Mann aus Syrien in Berlin wurde das Verfahren drei Monate später eingestellt, weil keine Tatverdächtigen ermittelt werden konnten.

Kein Abgleich mit anderen Verfahren

Die Tabletten seien aus dem Libanon nach Berlin gebracht worden und für den Weitertransport nach Belgien bestimmt gewesen. Ein Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft sagte dem ARD-Netzwerk auf Nachfrage, dass es bislang keinen Abgleich mit Verfahren in anderen Bundesländern gegeben habe. Für den Fall neuer Ermittlungsinhalte kündigte er die mögliche Wiederaufnahme des Verfahrens an.

Nach Recherchen von BR, MDR, SWR, RBB, der F.A.Z. und der "Mediengruppe Bayern" beläuft sich der Gesamtwert der Funde in den vergangenen drei Jahren in Deutschland auf eine halbe Milliarde Euro. Experten gehen davon aus, dass die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher liegt. Geschätzt können nur etwa zehn Prozent der Schmuggelware abgefangen werden.

Syrische Regierung an Geschäft beteiligt?

Captagon wird vor allem in Syrien und dem Libanon in illegalen Fabriken hergestellt und hauptsächlich in den arabischen Raum geschmuggelt. Die syrische Regierung steht im Verdacht, an diesem milliardenschweren Geschäft beteiligt zu sein. Geschmuggelt wird die Ware in vielen Fällen auf dem Land- oder Seeweg nach Europa, wird hier mit sogenannter Tarnware in Container umverpackt und dann per Schiff oder Flugzeug weiter in den arabischen Raum geschickt.

Anfang Oktober war die Droge weltweit in die Schlagzeilen geraten, nachdem israelische Medien berichteten, einige Hamas-Terroristen hätten bei ihren Angriffen am 7. Oktober Captagon-Tabletten bei sich gehabt.

In der Hoffnung auf einen weiteren Captagon-Fund rücken Zollfahnder Andreas B. und sein Team am vergangenen Donnerstag erneut zu einer Durchsuchung aus. Diesmal zu einem Garagenhof in Herzogenrath bei Aachen. 

Bei einem der Tatverdächtigen hatten sie zuvor einen Mietvertrag dafür gefunden. Als Andreas B. im Nieselregen schließlich dieses Garagentor öffnet, bekommt er möglicherweise einen weiteren Hinweis auf die Professionalität der Täter. Sein Blick fällt in einen leeren, besenreinen Raum.

*) Name von der Redaktion geändert

Arne Meyer-Fünffinger, BR, tagesschau, 21.12.2023 06:33 Uhr

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete Inforadio am 21. Dezember 2023 um 06:42 Uhr.