Ein Ordner liegt im Oberlandesgericht in München auf dem Tisch | Bildquelle: REUTERS

NSU-Prozess Das Ende eines Mammutverfahrens

Stand: 12.07.2018 16:07 Uhr

Nach fünf Jahren ist das Urteil gefallen: Es war einer der größten Strafprozesse in der Geschichte der Republik. Ein Dossier mit Hintergründen und Analysen zum NSU-Prozess.

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Prozessverlauf - Mittäterin oder Mitläuferin
 

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Ermittler der NSU-Morde: "Ich hab's nicht glauben können"
 
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Ermittler der NSU-Morde: "Ich hab's nicht glauben können"

Die fünf Angeklagten im NSU-Prozess
 

Nach fünf Jahren endete der NSU-Prozess, die Verteidiger wollen in Revision gehen. Zuvor hatte es elf Jahre gedauert, bis die rechte Terrorzelle entdeckt wurde. "Die ermittlerische Phantasie hat damals nicht gereicht", sagt ein Ermittler.

Holger Schmidt
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Holger Schmidt

Von Holger Schmidt, SWR

Die Ermittlungen im Fall "NSU" begannen mit einem gescheiterten Banküberfall. Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos hatten am Morgen des 4. November 2011 eine Sparkasse in Eisenach überfallen und flüchteten mit einem Wohnmobil. Als die Polizei sie kurz darauf kontrollieren wollte, zündeten sie das Wohnmobil an und erschossen sich.

Vom Bankraub zum Polizistenmord

Beim Durchsuchen des Wohnmobils fanden die Beamten nicht nur die Leichen der beiden Männer, sondern auch ein umfangreiches Waffenarsenal, erinnert sich Einsatzleiter Michael Menzel: "Da war eigentlich schon klar, dass das wahrscheinlich Täter sind, die nicht nur diesen einen Bankraub verübt haben." Dennoch sei das Erstaunen groß gewesen, als die Ermittler in der Nacht die Waffe P2000 gefunden hatten, denn: "Wir haben den Treffer bekommen, dass das die Waffe von unserer verstorbenen Kollegin Kiesewetter ist."

Ein Mann steht vor einer Gedenktafel. | Bildquelle: dpa
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Der türkische Imbiss "Munich Premium Döner" in München. Hier hatte früher der Schlüsseldienstbetreiber Theodoros Boulgarides sein Geschäft. 2005 wurde er vom NSU erschossen.

Für die Ermittler wurde aus dem Banküberfall ein Polizistenmord. Dann brannte noch am selben Tag das Wohnhaus der Bankräuber in Zwickau ab. Dort wurden weitere Waffen gefunden. Darunter die seit mehr als zehn Jahren gesuchte Pistole vom Typ Ceska 83, die zu einer Serie von neun Morden passte. Einer Serie, die bis dahin "Döner-Morde" genannt wurde. Doch es war rechter Terror, stellten die Ermittler fest.

Warum wurde die Terrorzelle elf Jahre nicht entdeckt?

Der Generalbundesanwalt übernahm nun das Verfahren, das Bundeskriminalamt koordinierte die Ermittlungen. Unter dem Namen "BAO Trio" ermittelten bundesweit hunderte Polizeibeamte in dem Fall. Rund 600 Stehordner Akten wurden zusammengetragen, Stück für Stück entstand ein Bild von der Terrorzelle.

Doch je konkreter das Bild wurde, desto mehr gerieten die Ermittler selbst unter Druck. Warum hatten sie die Terrorzelle elf Jahre lang nicht entdeckt? Hinzu kam, dass sich einige Angehörige der Mordopfer bitter beschwerten, weil die Täter jahrelang im persönlichen Umfeld der Opfer gesucht worden waren.

Zu den wenigen Mordermittlern, die sich dieser Kritik offensiv stellten, gehörte Josef Wilfling von der Münchner Mordkommission. Er versuchte zu erklären: "Die Suche beginnt man immer im Umfeld des Opfers. Das ist das erste, was man tut: die Ermittlungen von innen nach außen zu führen. Gab es denn jemanden, der einen Grund gehabt haben könnte, diesen Menschen zu töten?" Einen solchen Grund suchten die Ermittler jahrelang verzweifelt, aber eben vergebens.

Terrorismus ohne Bekennerschreiben

Das besondere an den NSU-Morden war, dass sie terroristisch motiviert waren, es aber kein Bekennerschreiben gab. Erst nach dem Auffliegen der Gruppe tauchte ein Film auf, in der die Taten mit dem NSU in Verbindung gebracht wurden.

Terror ohne Bekennung, damit hatten die Ermittler nicht gerechnet, wie sie hinterher zugaben. Rainer Griesbaum, damals Leiter der Terrorismusabteilung beim Generalbundesanwalt, sagt: "Man wird für die Sicherheitsbehörden insgesamt einräumen müssen: Die ermittlerische Phantasie hat nicht gereicht, eine solche furchtbare Tatserie zu denken und damit auch rechtzeitig aufklären zu können."

Ermittlerische Fantasie hat nicht gereicht

Mit rechten Tendenzen in der Polizei und beim Verfassungsschutz habe das ganze nichts zu tun gehabt, sagen die Ermittler und wehren sich gegen den Vorwurf bis heute. Es sei allein fehlende Phantasie gewesen, sagen sie, deswegen könne aber so eine Tat nun auch nicht mehr passieren. Weil man gewarnt sei, heißt es heute bei Ermittlern.

Der Münchner Mordermittler Josef Wilfling ist inzwischen im Ruhestand. Trotzdem verfolgt ihn der Fall weiter. Er steht bis heute dazu, dass damals auch bei ihm die Phantasie einfach nicht ausgereicht hat: "Auf der einen Seite habe ich mich sehr gefreut, als ich gehört habe, die Täter sind gefasst, die Tat ist geklärt." Auf der anderen Seite müsse er aber zugeben: "Ich hab’s nicht glauben können. Ich hab’s bis zuletzt nicht glauben können, dass sowas möglich ist bei uns, dass es eine solche Terrorzelle gegeben hat."

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 04. Juli 2018 um 23:50 Uhr.

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