Rekruten | Bildquelle: picture alliance / dpa

Minderjährige Rekruten Notwendiger Nachwuchs oder "Kindersoldaten"?

Stand: 09.01.2018 16:15 Uhr

Mit speziell auf junge Menschen zugeschnittenen Videos wirbt die Bundeswehr um Nachwuchs. Und die Offensive scheint zu greifen: Die Zahl der minderjährigen Rekruten hat 2017 einen neuen Höchststand erreicht. Kritiker sprechen von "Kindersoldaten".

Von Christoph Prössl, ARD-Hauptstadtstudio

Hauptfeldwebel Acki steht vor einem gepanzerten Fahrzeug der Bundeswehr. Er trägt eine Splitterschutzweste, helles Flecktarn und ein Headset mit Mikrofon vor dem Mund. "Heute machen wir die letzte Fahrt, wir weisen unsere Nachfolger ein, die wichtigen Hotspots, damit die wissen, wo oben und unten ist", sagt der stellvertretende Zugführer in die Kamera. Gleich steigen die Soldaten in den Panzer, auf dem in großen Lettern UN steht. Es geht aus dem Feldlager der Bundeswehr im Norden von Mali in die Stadt Gao.

Schmissige Musik, schnelle Schnitte, coole Sprüche. Es soll authentisch wirken. So ist die Internet-Serie "Mali" der Bundeswehr konzipiert, die Jugendliche auf YouTube ansehen können. Das Verteidigungsministerium will vor allem junge Leute ansprechen und sie für den Dienst bei der Bundeswehr interessieren.

Besondere Regeln

Nicht nur wegen dieser Filme, aber doch mit steigender Tendenz: Auch Minderjährige kommen zur Bundeswehr, um sich als freiwillig Wehrdienstleistende oder Soldaten auf Zeit zu verpflichten. 2017 waren es 2128 Personen. Das geht aus einer Antwort des Verteidigungsministeriums auf eine parlamentarische Anfrage der Linksfraktion hervor, über die die "Rheinische Post" als erste berichtet hatte.

Allerdings gelten für die Rekrutierung besondere Regeln: Bewerberinnen und Bewerber müssen mindestens 17 Jahre alt sein und eine sechsmonatige Probezeit absolvieren. Während dieser Zeit dürfen die Soldatinnen und Soldaten ohne Angabe von Gründen jederzeit ihre Verpflichtung widerrufen und ihren Dienst beenden. Ende 2017 waren von den 2128 Personen, die sich verpflichtet hatten, nur noch insgesamt 90 unter 18 Jahre alt, und ihre Probezeit war abgelaufen.

"Minderjährige in der Bundeswehr, das muss die Ausnahme sein", sagt der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Hans-Peter Bartels, dem ARD-Hauptstadtstudio. "Denn für die Ausbildung bereitet es schon Schwierigkeiten, wenn den Vorgesetzten und Ausbildern besondere Aufsichtspflichten auferlegt werden und man besondere Einwilligungen einholen muss." Das gehe schon mit der Impfung los, sagt der SPD-Politiker. Er sieht aber grundsätzlich die Vorteile, auch junge Leute anzusprechen.

Kritik der Linkspartei

Im Ministerium heißt es: 75 Prozent aller Schulabgänger eines Jahres seien nun mal unter 18. Die Bundeswehr will bei der Suche nach geeigneten Bewerbern gleiche Chancen wie Handwerksbetriebe, Industrie oder Polizei. Die jungen Rekruten brauchen eine Einverständniserklärung ihrer Eltern, dürfen nicht ins Ausland entsandt oder gar für Wachdienste eingeteilt werden. Die Bundeswehr bildet Minderjährige jedoch an der Waffe aus.

Grundausbildung von Bundeswehrsoldaten | Bildquelle: picture alliance / Stefan Sauer/
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Grundausbildung von Bundeswehrsoldaten - Minderjährige werden auch an scharfen Waffen ausgebildet.

Die Linkspartei kritisiert, dass die Bundesregierung andere Staaten nicht glaubhaft für den Einsatz von Kindersoldaten rügen könnte, wenn hierzulande Minderjährige für militärische Zwecke rekrutiert würden. Im Verteidigungsministerium heißt es, internationale Abkommen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen würden eingehalten.

Von der Leyen will mehr Soldaten

Die Bundeswehr ist unter Druck: Das deutsche Militär ist an 14 Auslandseinsätzen im Rahmen der NATO, der Vereinten Nationen oder anderer Bündnisse beteiligt. Gleichzeitig soll die Bundeswehr wieder stärker die Landesverteidigung sicherstellen. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat angekündigt, bis 2023 die Zahl der Berufssoldaten und Soldaten auf Zeit auf 177.000 anzuheben - Ende 2017 waren es 170.214.

Insgesamt zieht das Ministerium eine positive Bilanz der Youtube-Serie "Mali". Die Personalabteilung verzeichne 60 Prozent mehr Zugriffe auf die Karriere-Seiten der Bundeswehr im Internet. "Die Trendwende greift", heißt es im Ministerium.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 09. Januar 2018 um 16:48 Uhr.

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