Forensiker untersuchen den LKW bei Parndorf (27.08) | Bildquelle: dpa

Urteil im Schleuserprozess Schlepperei oder Mord aus Gier?

Stand: 14.06.2018 09:34 Uhr

Vor zwei Jahren ließen Schleuser 71 Menschen in einem Lkw auf einer Autobahn in Österreich qualvoll ersticken. Für die Verteidiger war es kein Mord. Nun soll das Urteil in dem Prozess in Ungarn fallen.

Von Andrea Beer, ARD-Studio Wien

Es ist der 26. August 2015. Am Morgen kurz nach halb sechs steigen 59 Männer, acht Frauen und vier Kinder nahe der serbisch-ungarischen Grenze in einen Kühllaster. Die Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, dem Iran und dem Irak wollen nach Westeuropa. Die Polizei wertet später letzte SMS und Handynachrichten aus.

Schon kurz nach der Abfahrt fangen die Menschen an zu klopfen und zu schreien. Die Luft wird knapp, es ist eng und dunkel und die Türen lassen sich von innen nicht öffnen.

Rund drei Stunden später sind die 71 Menschen qualvoll erstickt, die Schlepper haben ihren Todeskampf gehört, die Türen aber nicht geöffnet. Der bulgarische Fahrer lässt den Laster in einer Haltebucht auf der A4 bei Parndorf stehen und flieht.

In glühender Sommerhitze findet die österreichische Polizei dann die verwesenden ineinander verkeilten Leichen. Auch der Bruder des Syrer Yussef Chaikh und dessen Familie waren in dem Lkw. Zum Prozessauftakt sagte der Angehörige dem ARD-Studio Wien: "Ich möchte die Wahrheit wissen, denn ich glaube da ist doch noch etwas, was keiner weiß."

Staatsanwalt fordert lebenslange Freiheitsstrafen

In seinem Schlussplädoyer forderte Staatsanwalt Gabor Schmidt für die vier wegen Mordes Hauptangeklagten lebenslange Freiheitsstrafen. Den 31-jährigen Afghanen Lahoo S. hält er für den Kopf der Gruppe. Dieser war anerkannter Flüchtling - ein Status, der ihm entzogen wurde. Er spricht Paschtu, Serbisch-Ungarisch und Englisch und schockierte zum Prozessauftakt mit Lächeln und Provokationen im Gerichtsaal. 

Im Prozessverlauf bekannte er sich der Schlepperei für schuldig, nicht aber des Mordes. In seinem Schlusswort vor Gericht bat Lahoo S. um Verzeihung. Falls er freikomme, wolle er der Menschheit helfen.

Die Staatsanwaltschaft ist davon nicht überzeugt. Der 31-Jährige habe dem bulgarischen Fahrer des Lkw ausdrücklich befohlen nicht anzuhalten, als dieser per Handy von den Schreien der erstickenden Menschen berichtet habe. Schon einen Tag nach dem tödlichen 26. August 2015 habe der Afghane sogar eine nächste Flüchtlingsfahrt geplant, so Staatsanwalt Gabor Schmidt. Als Beleg nennt er ein Gespräch des Afghanen mit einem Bulgaren, so Schmidt:

"Das Gespräch bestätigt, dass den  beiden Hauptangeklagten bewusst war, dass Leute gestorben sind, und sie haben angefangen für den 27. August zwei Transporte zu organisieren. Ein anderes Gespräch zeigt, dass der Zweitangeklagte wusste, dass die Migranten gestorben sind, weil sie keine Luft bekamen."

300.000 Euro mit Menschenschmuggel verdient

Der Fahrer des Kühl-Lkw, die Insassen der Begleitautos, der Autokäufer und Anwerber von Schleppergehilfen oder der afghanische Kopf der Gruppe: Die Angeklagten schoben sich gegenseitig die Schuld zu.

Ein Bulgare belastete den Hauptangeklagten Lahoo S.: Er sei zu gierig geworden und habe immer mehr Menschen in die Autos gequetscht. Mit dem Menschenschmuggel verdiente Lahoo S. laut Anklage 300.000 Euro. 

Die 71 Toten von Parndorf sind eine von rund 30 Schlepperfahrten, die den Angeklagten vorgeworfen werden. Ungarische Ermittler hatten die Gruppe schon knapp zwei Wochen im Visier und hörten deren Handys ab - auch am Todestag der 71 Menschen. Das brachte den Ermittlern den Vorwurf ein, möglicherweise nicht alles getan zu haben, um Leben zu retten.

Weinkrampf vor Gericht

Der Fahrer des Kühllasters sagte, er habe nur die Befehle seiner Bosse befolgt. Vor Gericht bekam er einmal einen Weinkrampf. Er habe große Angst vor dem Hauptangeklagten Lahoo S. gehabt und sei unter Anspannung gestanden, da er trotz der Todesschreie nicht habe anhalten dürfen.

Geht es nach der Staatsanwaltschaft, muss auch der bulgarische Fahrer lebenslang ohne vorzeitige Entlassung ins Gefängnis. Sein Verteidiger hingegen beantragte, den Mordvorwurf fallen zu lassen und den Fahrer des Kühllasters wegen Gefährdung des Straßenverkehrs zu belangen. Auch die Verteidiger der anderen Angeklagten forderten milde Strafen oder Freisprüche. 

Das Urteil in Kecskemet soll am frühen Nachmittag verkündet werden.

 

Urteil im Kühllasterprozess mit 71 Toten
Andrea Beer, ARD Wien
14.06.2018 06:37 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Juni 2018 um 5:35 Uhr.

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