Symbolbild zum eskalierenden Konflikt im Nahen Osten zwischen den verfeindeten Ländern Saudi Arabien und Iran | Bildquelle: imago/Ralph Peters

Iran und Saudi-Arabien Wer wird Führungsmacht im Nahen Osten?

Stand: 16.04.2018 14:00 Uhr

Der Iran und Saudi-Arabien kämpfen um die Vorherrschaft im Nahen Osten. Die Rivalität hat strategische und wirtschaftliche Gründe. Beide Staaten wollen Führungsmacht der islamischen Welt sein.

Von Reinhard Baumgarten, SWR

Der Machtkampf zwischen Iran und Saudi-Arabien gleicht dem in einer Fabel beschriebenen Wettlauf zwischen Hase und Igel. Die Islamische Republik Iran verkörpert dabei die Rolle des Igels - oder besser: der beiden identisch aussehenden Igel. Wann immer der saudische Hase glaubt, den iranischen Igel am Ende der Rennstrecke hinter sich gelassen zu haben, streckt der zweite, verborgene Igel den Kopf aus der Furche und ruft: "Bin schon da."

Teheran hat Oberwasser im Irak; iranische Unterstützung hilft den Huthi-Rebellen im Jemen, dem saudischen Bombardement zu widerstehen; von Teheran angeheuerte Söldner aus dem Irak, aus Afghanistan und Pakistan sowie iranische Revolutionswächter sichern Diktator Assad die Macht in Syrien.

Syriens Präsident Baschar Assad (Archivbild) | Bildquelle: dpa
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Der syrische Präsident Baschar Assad wird von Söldner aus dem Irak, aus Afghanistan und Pakistan unterstützt.

Saudi-Arabien hat mehr Geld und mehr Waffen

Riad hat in all diesen Konflikten die schlechteren Karten. Riad fühlt sich von Teheran nicht nur herausgefordert, Riad fühlt sich vom Iran eingekreist. Der saudische Hase kann eigentlich schneller rennen - will heißen: er hat mehr Geld, mehr Waffen und starke Freunde. Der iranische Igel muss aus der Not eine Tugend machen und gerissener, subversiver und vorausschauender agieren.

Die Rivalität zwischen beiden Staaten reicht zurück ins Jahr 1979. Damals wurde der monarchistische Herrscher Irans gestürzt. Schah Mohammad Reza Pahlevi hatte den Iran mit Washingtons Segen und Hilfe zur Ordnungsmacht am Persischen Golf erhoben. Irans Kleriker gelangten an die Macht. Sie wollten ihren revolutionären Furor exportieren.

Golfstaaten unterstützen den Irak im Krieg

Die arabischen Monarchien am Golf sollten durch islamische Republiken nach iranischem Vorbild ersetzt werden. 1980 sah Riad die Chance gekommen, den Spuk im Iran zu beenden. Iraks Diktator Saddam Hussein hatte den von revolutionären Wirren gebeutelten Iran völkerrechtswidrig überfallen. Die Golfstaaten - allen voran Saudi-Arabien - unterstützten den Irak mit Dutzenden Milliarden Dollar in dem achtjährigen Krieg gegen den Iran.

Diese Erinnerung hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der Iraner eingebrannt. Genauso wie die Erinnerung von auf iranische Städte niedergehenden irakischen Raketen, denen Teheran nichts entgegensetzen konnte. Denn 1983 erwirkten die USA auf Betreiben Bagdads ein weltweites Waffenembargo gegen den Iran.

70 Milliarden Dollar jährlich für Rüstung

Ein direkter Kräftevergleich der beiden Rivalen am Golf zeigt die jeweiligen Schwächen und Stärken: Riad gibt mehr als 70 Milliarden Dollar jährlich für Rüstung und Verteidigung aus. Nur die USA und China haben einen höheren Wehretat. Teheran wendet nur etwa 15 Milliarden Dollar auf. Saudi-Arabien verfügt über mehr als 300 hochmoderne Kampfflugzeuge.

Irans Luftwaffe besteht aus Flugzeugen, die zumeist vor 1979 angeschafft wurden und technologisch veraltet sind. Saudi-Arabien besitzt doppelt so viele Fregatten, Zerstörer und Hubschrauber wie der Iran. Teheran versucht, diesen Nachteil durch wendige Patrouillenboote auszugleichen. Die saudischen Streitkräfte sind technologisch auf dem modernsten Stand.

Asymmetrische Kriegsführung

Bei einer direkten militärischen Konfrontation wäre der Iran aber bestrebt, den saudischen Vorsprung durch eine sogenannte asymmetrische Kriegsführung wettzumachen. Hier greift wieder der Vergleich des Wettlaufs zwischen Hase und Igel. Teheran hat bereits im ersten Golfkrieg mit dem Irak (1980-1988) gelernt, Kriege mit militärisch und technologisch überlegenen Gegnern zu führen.

Entscheidend dabei sind die Kapazitäten zur asymmetrischen Kriegsführung. Konkrete Beispiele: Teheran alimentiert im Libanon die schiitische Hisbollah als Druckmittel gegen Israel; der Iran hat im Irak die schiitischen Milizen al-Hash ash-Sha’abi aufgebaut; im Jemen unterstützt die Islamische Republik die Huthi-Rebellen.

Krieg kostet täglich bis zu 25 Millionen Dollar

Saudi-Arabien bombardiert seit mehr als drei Jahren den Jemen. Der Krieg kostet Riad täglich bis zu 25 Millionen Dollar, hat tiefe Löcher in den saudischen Staatshaushalt gerissen und 22 Millionen Jemeniten zu Hilfsbedürftigen gemacht. Außer Zerstörung hat Riad im Jemen bislang nichts erreicht.

Gleichzeitig verpulvert die saudische Führung viel Geld, das für den wirtschaftlichen Umbau des Landes dringend gebraucht würde. Denn ebenso wie der Iran, lebt Saudi-Arabien als sogenannter Rentierstaat weitgehend vom Öl- und Gasverkauf. Hierbei kommen sich Teheran und Riad nur bedingt in die Quere.

Beide Länder setzen auf High Tech

Wichtiger ist die Frage: Wer schafft wie den Übergang zu einer diversifizierteren Wirtschaft? Beide Länder haben eine sehr junge Bevölkerung, für die sie Millionen neue Arbeitsplätze schaffen müssen. Beide Länder setzen auf High Tech und Petrochemie.

Es wird dem Iran nur dann gelingen, internationale Investoren anzulocken, wenn international geltende Sanktionen auch weiterhin abgebaut werden. Das weiß Riad, weshalb die Saudis ein großes Interesse daran haben, den Iran als Schurkenstaat, Terrorunterstützer und Troublemaker erscheinen zu lassen.

Hassan Rouhani | Bildquelle: REUTERS
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Hassan Rouhani ist Präsident des Iran.

Teheran geht geschickt vor

Für die iranische Führung dient die Einmischung in Belange arabischer Staaten der Ausdehnung ihres Einflusses wie auch der Vorbereitung einer möglichen asymmetrischen Kriegsführung. Teheran geht dabei insofern geschickt vor, als es marginalisierten Gruppen und Minderheiten Unterstützung anbietet. Die Unterstützung für Schiiten im Libanon, im Irak, in Bahrain sind dafür ebenso gute Beispiele wie die Hilfe für die Huthi-Rebellen im Jemen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. April 2018 um 19:00 Uhr.

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