Rauch im Gazastreifen | Bildquelle: AP

Nach Gewalt in Gaza Internationale Kritik an Israel wächst

Stand: 15.05.2018 20:52 Uhr

Nach dem Tod vieler Palästinenser in Gaza wächst die internationale Kritik an Israels Vorgehen. Botschafter wurden abberufen und im Sicherheitsrat lieferten sich Israelis und Palästinenser einen Schlagabtausch.

Das harte Vorgehen der israelischen Armee gegen protestierende Palästinenser im Gazastreifen hat für Israel erhebliche diplomatische Konsequenzen. Am schärfsten reagierte der türkische Präsident Recep Tayipp Erdogan auf den Tod von mehr als 60 Palästinensern. In einer auf Twitter verbreiteten Erklärung griff er Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu persönlich an: "Er hat das Blut von Palästinensern an seinen Händen."

Recep Tayyip Erdoğan @RT_Erdogan
Netanyahu is the PM of an apartheid state that has occupied a defenseless people's lands for 60+ yrs in violation of UN resolutions. He has the blood of Palestinians on his hands and can't cover up crimes by attacking Turkey. Want a lesson in humanity? Read the 10 commandments.

Das türkische Außenministerium forderte Israels Botschafter in Ankara nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu auf, "für einige Zeit" das Land zu verlassen. Die türkischen Botschafter in Israel und Washington wurden zurückberufen. Israel forderte seinerseits den türkischen Konsul auf, das Land für "einige Zeit" zu verlassen.

Auch Südafrika zog seinen Botschafter aus Israel ab, Belgien bestellte die israelische Botschafterin für Mittwoch ins Außenministerium in Brüssel ein, auch in Irland wurde der israelische Botschafter einbestellt.

Die Palästinenserführung in Ramallah teilte am Abend mit, man habe den palästinensischen Repräsentanten aus Washington abberufen.

Sondergipfel in Ankara

Der türkische Regierungschef Binali Yildirim forderte die islamischen Staaten dazu auf, ihre Beziehungen zu Israel auf den Prüfstand zu stellen. Ankara habe für Freitag einen Sondergipfel der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) in Istanbul einberufen. Im Anschluss sei in der Stadt ein großer Protestmarsch gegen das israelische Vorgehen im Gazastreifen geplant.

Deutliche Worte an Netanyahu

Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron zeigte sich sehr besorgt über die Lage im Gazastreifen. Das habe Macron Netanyahu in einem Telefonat mitgeteilt, hieß es aus Élyséekreisen in Paris. Macron verurteilte demnach auch die Gewalttätigkeiten und mahnte einen Schutz der Zivilbevölkerung an.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich besorgt über die Eskalation der Gewalt in Gaza. Deutschland habe aber Verständnis für die Sicherheitsbelange Israels, machte Merkel nach Angaben von Regierungssprecher Steffen Seibert in einem Telefonat mit Netanyahu deutlich.

Am Abend gab es eine Sondersitzung im UN-Sicherheitsrat. Unter den Mitgliedern kursierte der Entwurf für eine gemeinsame Stellungnahme zu der Gewalt, in der auch eine unabhängige Untersuchung gefordert wurde. Diesen Entwurf blockierten die USA jedoch offenbar. Nach Einschätzung der USA hat sich Israel bei der Gewalt in Gaza "zurückgehalten".

Israel und die Palästinenser warfen sich bei der Sitzung gegenseitige Verstöße gegen internationale Gesetze vor.

Kritik von den UN

Die Vereinten Nationen kritisierten das Vorgehen der israelischen Armee scharf. Israels Ministerpräsident lobte dagegen den "entschlossenen Einsatz" der Sicherheitskräfte. Die Bundesregierung warf der Hamas Anstachelung zur Gewalt vor.

Gestern, am 70. Jahrestag der Staatsgründung Israels, war es - zusätzlich aufgeheizt durch die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem - zu besonders gewaltsamen Protesten gekommen. Es wurde der blutigste Tag im Nahost-Konflikt seit 2004: Mindestens 60 Palästinenser wurden getötet, mehr als 2400 verletzt. Zehntausende Palästinenser protestierten am Grenzzaun gegen Israel.

Lage im Gazastreifen ruhiger

Auch am Dienstag gab es im Gazastreifen und im Westjordanland neue Proteste gegen Israel. Sie waren jedoch vor allem im Gazastreifen weniger heftig als am Vortag, als die USA in ihrem bisherigen Konsulatsgebäude in Jerusalem ihre neue Botschaft eröffneten. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza wurden dort zwei Menschen von israelischen Soldaten erschossen und 160 verletzt.

Im Gazastreifen protestieren die Menschen nicht nur gegen die Verlegung der US-Botschaft, sondern auch gegen eine mehr als zehnjährige Blockade des Küstenstreifens durch Israel und Ägypten. Die Trauer der Palästinenser über die Toten mischte sich an dem Tag der Nakba (Katastrophe) auch mit dem Zorn über die Vertreibung und Flucht Hunderttausender Palästinenser im Zuge der israelischen Staatsgründung 1948.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 15. Mai 2018 um 16:42 Uhr und tagesschau24 um 19:00 Uhr.

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