Narges Mohammadi (Archivbild: 2007)
Porträt

Friedensnobelpreisträgerin Mohammadi "Im Gefängnis, um den Kampf fortzusetzen"

Stand: 06.10.2023 14:33 Uhr

Mohammadi setzt sich seit ihrem Studium für Frauenrechte ein. Damals wurde sie zum ersten Mal festgenommen. Seitdem verbrachte sie viele Jahre im Gefängnis. Auch jetzt sitzt sie in Haft - und arbeitet von dort aus weiter.

Von Pia Masurczak, ARD-Studio Istanbul

Narges Mohammadi strahlt große innere Ruhe aus, als sie sich im April vergangenen Jahres, ausgerechnet an ihrem 50. Geburtstag, mit einer Videonachricht meldet: "Ich bin heute voller Hoffnung und zuversichtlich, wenn ich ins Gefängnis zurückkehre - ermutigt, weil Menschen und Organisationen wie ihr mich unterstützt", sagt sie. "Ich kehre zurück ins Gefängnis, um den Kampf fortzusetzen."

Wieder einmal muss sie eine Haftstrafe antreten, wieder einmal droht ihr Isolationshaft. Die Vorwürfe klingen immer ähnlich: "Propaganda gegen das System" oder "Versammlung gegen die nationale Sicherheit".

Einen Großteil ihres Lebens hat Mohammadi mittlerweile im Gefängnis verbracht - seit 2016 als Vizepräsidentin der Menschenrechtsorganisation Defender of Human Rights Center, das Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi gegründet hat. Ihr Fokus dabei: das oft willkürliche Straf- und Justizsystem der Islamischen Republik, das sie selbst so oft erlebt hat.

Monatelange Isolation

"Als ich vor 20 Jahren zum ersten Mal in die Einzelzelle kam, gab es überhaupt keine Möglichkeit, an die frische Luft zu gehen. Ich saß einfach jeden Tag in meiner Zelle", erzählt Mohammadi. Es habe auch keine Möglichkeit zu duschen gegeben. "Das entscheidet der Verhörbeamte." Auch, wie oft man auf die Toilette gehen darf, sei von ihm abhängig gewesen.

"Sie machen die Tür dreimal am Tag auf. Wenn der Beamte es sagt, machen sie sie fünfmal auf. Ich betone: Alles, einfach alles, was sie machen, geschieht auf Befehl eines Verhörbeamten."

Die Isolationshaft, gegen die sie seit Jahren gewaltlos kämpft, sei schmerzhaft, erzählt sie in Briefen aus dem Gefängnis. Man verliere das Zeitgefühl. Ohne jede Stimulation sei der Geist verletzlich. Und dennoch verliert Mohammadi nicht die Hoffnung, wie sie im April 2022 erzählt: "Vor vier Monaten wurde ich im Evin-Gefängnis mehr als zwei Monate in Isolationshaft gesperrt, während meiner letzten Inhaftierung."

"Mut, Durchhaltevermögen und Aufmerksamkeit"

Als sie zum vierten Mal in die Isolsationszelle verlegt worden sei, habe sie sich gefragt, ob sie enttäuscht sein sollte - "weil unsere Kampagne gescheitert ist". Aber, so Mohammadi: "Ganz im Gegenteil: Ich bin überzeugt, dass es für die Verwirklichung von Menschenrechten und Demokratie Mut, Durchhaltevermögen und Aufmerksamkeit braucht."

Seit eineinhalb Jahren sitzt Mohammadi nun wieder im Gefängnis und führt ihre Arbeit von dort weiter. Unter anderem durch ihren Bericht in der BBC wurde bekannt, dass die im Zuge der Protestwelle inhaftierten Frauen massiver sexualisierter Gewalt und Folter ausgesetzt sind.

Mohammadi setzte sich bereits als Physikstudentin für Frauenrechte ein und wurde das erste Mal festgenommen. Später arbeitete sie als Journalistin für reformorientierte Zeitungen und als Autorin politischer Essays. 2003 schloss sie sich dem Defender of Human Rights Center an.

Auch ihr Ehemann Taghi Rahmani war als kritischer Journalist tätig. Er verließ den Iran 2012 und lebt nun in Frankreich. Seine Frau, so Rahmani in einem Interview, sei überzeugt, dass sie nützlicher sein könne, wenn sie im Iran bliebe.

"Natürlich werden wir von der Islamischen Republik Iran unterdrückt", sagt Mohammadi. "Aber wir glauben, dass die Protestbewegung ein Zeichen der Kraft und der Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung ist - und für die Schwäche der Unterdrücker."

Pia Florence Masurczak, ARD Istanbul, tagesschau, 06.10.2023 11:50 Uhr

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 06. Oktober 2023 um 14:00 Uhr.