Die italienische Küstenwache nimmt Flüchtlinge vom Rettungsschiff "Aquarius" an Bord. | Bildquelle: AP

Rettungsschiff "Aquarius" "Es müssen europäische Lösungen her"

Stand: 13.06.2018 04:47 Uhr

Die mehr als 600 Geflüchteten der "Aquarius" müssen noch drei Tage auf dem Mittelmeer aushalten, bis sie Valencia erreichen. Laut der Hilfsorganisation SOS Méditerranée ist dies alles andere als ideal.

Von Karin Bensch, WDR, ARD-Studio Brüssel

Das Rettungsschiff "Aquarius" ist unterwegs nach Valencia. Spanien hatte sich bereit erklärt, die gut 600 Flüchtlinge aufzunehmen, nachdem Italien und Malta dies abgelehnt hatten. Um die "Aquarius" zu entlasten, haben zwei Schiffe der italienischen Küstenwache Flüchtlinge an Bord genommen.

Sie begleiten das Rettungsschiff nun nach Spanien, sagt Jana Ciernioch von der deutschen Hilfsorganisation SOS Méditerranée, die die "Aquarius" betreibt. "Wir rechnen damit, dass wir mindestens drei Tage brauchen bis wir in Valencia ankommen."

An Bord: Schwangere, Kinder und Fast-Ertrunkene

Noch einmal drei Tage unterwegs mit Menschen, die bereits einen langen Fluchtweg hinter sich haben. An Bord sind mehrere schwangere Frauen, unbegleitete Jugendliche und Kinder. Menschen, die während der Rettungsaktion vor Libyen ins Wasser gefallen waren, gerettet und teilweise wiederbelebt werden mussten.

Für sie ist es eine beschwerliche Reise, sagt Ciernioch. "Wir haben die letzten Tage immer wieder versucht, darauf hinzuweisen, dass wir einen sicheren Hafen brauchen, der nahe gelegen ist. Spanien hat sich glücklicherweise bereit erklärt, die 629 Geretteten aufzunehmen. Aber es ist weit davon entfernt eine ideale Lösung zu sein."

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Die insgesamt sechstägige Fahrt vom Mittelmeer zwischen Italien und Malta nach Valencia und wieder zurück reißt ein Loch in das Budget der Hilfsorganisation, erzählt die Sprecherin der Hilforganisation. "Für uns als spendenfinanzierte Organisation ist das finanziell einfach extrem schwierig zu stemmen."

Seit zweieinhalb Jahren unter italienischer Koordination

Malteser und Italiener streiten noch immer darüber, wer die Flüchtlinge vom Rettungsschiff hätte aufnehmen müssen. Die Malteser meinen: die Italiener, weil sie die Rettungsaktionen koordinieren. Die Italiener sagen: die Malteser, weil sie näher an der Rettungszone vor Libyen liegen. Wer hat nun Recht?

"Seit zweieinhalb Jahren operieren wir unter der Koordination der italienischen Seenotleitstelle", sagt Ciernioch. "Also unter Koordination der italienischen Behörden, die bisher immer unsere Rettungseinsätze angewiesen haben, koordiniert haben. Und dazu gehört auch die Zuweisung eines sicheren Hafens." 

Einen sicheren Hafen will die neue italienische Regierung, in der populistische und ausländerfeindliche Politiker sitzen, Rettungsschiffen mit Flüchtlingen offenbar nicht mehr gewähren. Ciernioch sieht allerdings nicht nur Italien, sondern alle EU-Länder in der Verantwortung. "Es ist keine italienische Grenze, an der im Mittelmeer Menschen sterben, sondern es ist eine europäische, und dafür müssen europäische Lösungen her."

Flüchtlinge in einem Schlauchboot, die im Mittelmeer von dem Rettungsschiff "Aquarius" aufgenommen wurden. | Bildquelle: AFP
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Flüchtlinge in einem Schlauchboot, die im Mittelmeer von dem Rettungsschiff "Aquarius" aufgenommen wurden.

Ohne moralischen Kompass

Europäische Lösungen sind derzeit nicht in Sicht. Die EU-Kommission hat zwar angekündigt, das Geld für Migration und zum Schutz der europäischen Außengrenzen im nächsten Jahrzehnt fast zu verdreifachen. Das allein löst aber den Streit um die Flüchtlingsverteilung nicht.

Malta und Italien liegen auf der zentralen Mittelmeerroute, über die die meisten Rettungsschiffe Geflüchtete aus Afrika nach Europa bringen. Sollten die beiden Länder ihre Häfen weiterhin sperren, würde der Druck auf andere Mittelmeer-Anrainer wachsen - nicht nur auf Spanien, sondern wohl auch auf Frankreich.

Europa hat seinen moralischen Kompass im Mittelmeer verloren, meint die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen". Das Rettungsschiff "Aquarius" - es hat einen Kompass und hält Kurs auf Valencia. Eine weite Reise, die notwendig wurde, weil die nahe liegenden Länder Italien und Malta derzeit zu keinem Kompromiss bereit sind.

Rettungsschiff Aquarius auf dem Weg nach Valencia
Karin Bensch, WDR Brüssel
13.06.2018 08:40 Uhr

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